Der Hals der Giraffe erzählt drei Tage aus dem Leben der Lehrerin Inge Lohmark, die an einer Schule in einer Kreisstadt in Vorpommern Biologie und Sport unterrichtet. Seit über dreißig Jahren tut sie das, doch in vier Jahren soll Schluß sein. Dem Charles-Darwin-Gymnasium geht der Nachwuchs aus. Ihre Klasse, die Klasse 9 – die letzte, die noch bis zum Abitur geführt werden soll – hat nur mehr zwölf Schüler; ein Sitzplan, der auf den ersten Seiten des Romans in stilisierter Form abgebildet ist, gibt Auskunft über ihre Namen, die Lehrerin hat sie mit bissigen bis bösen Notizen versehen. Ihre Devise: “Schüler waren natürliche Feinde.” Bei Inge Lohmark gibt es kein Lullipulli, kein Anbiedern, keine Kuschelpädagogik.
Auch gegenüber ihren – glänzend porträtierten – Lehrerkollegen läßt Lohmark keine Milde walten. Ihre sarkastischen und unbarmherzigen Beobachtungen (der Leser nimmt ihre Garstigkeit als witzig wahr) zeigen eine Frau, die zum Lachen in den Keller geht und sich noch da die Hand vor den Mund hält. Dazu paßt die effiziente Syntax. Könnte ein Text eine Frisur haben: dieser trüge einen Dutt.
“Naturhaushalte”, “Vererbungsvorgänge” und “Entwicklungslehre” sind die drei Teile von Der Hals der Giraffe überschrieben. Es sind Themenbereiche aus dem Lehrplan. Lohmark fühlt sich diesem durchaus verpflichtet, allein, ihr wissenschaftsgläubiges Weltbild, so wie sie es Jahr für Jahr an ihre Schüler weitergibt, hat Risse bekommen, ist sozusagen agnostisch geworden. Sie hat gelernt, daß die Natur nicht in jedem Fall nach Darwins Pfeife tanzt. “Alle pflanzten sich munter fort. Nur ihre Artgenossen nicht.” Auch Claudia nicht, ihre Tochter, die seit Jahren in den USA lebt und der Mutter den – ersehnten? erwarteten? – Enkel verwehrt. (Es gibt auch einen Ehemann, Wolfgang, der öfters erwähnt wird, aber immer nur am Rand auftaucht, ein bißchen so wie Willie in Becketts Glückliche Tage.)
Zur transzendentalen Obdachlosigkeit des Menschen hat sich die biologische Verwirrung gesellt. “Eingezwängt im Kausalkettenhemd, das Ich als neuronale Illusion” – keine bequeme condition humaine. Lohmarks straffe Unterrichtsführung versucht, was aus dem Ruder läuft, durch Zucht und Ordnung wieder in die Spur zu setzen. Doch ihr pfeilgerades Denken hat Schlagseite bekommen. Sie vermag der von ihr lange hergebeteten teleologischen Dimension der Darwin’schen Lehre – “Jeder Urfisch, jeder Urschmetterling, jedes Urreptil wollte im Grunde ein Säugetier werden. Und jeder homo sapiens ein makelloses Zukunftswesen” – nicht mehr zu folgen. Wertfreie Tautologien treten an die Stelle von Glaubenssätzen und Gewißheiten: “Entwicklung war Entwicklung [...] Wer überlebt, überlebt.” Sie, die ganz von der ratio geprägt ist, muß sich eingestehen, daß es nicht unbedingt von Vernunft zeugt, immer vernünftig zu sein. Ihr gedankliches Ausscheren aus der Darwin’schen Bahn verrät die tiefe Verunsicherung, in die nicht zuletzt ihre latent erotische Faszination für die Schülerin Erika sie stürzt. “Noch einmal auf vier Pfoten laufen, im Vierfüßlergang”, oder, an anderer Stelle: “Ein Tier müsste man sein. Ein wirkliches Tier. Ohne ein Bewusstsein, das den Willen hemmt”, oder, vollends absurd: “Wäre man grün, [...].” Regression als Ausweg.
Regression und Distanz. Denn Lohmark, deren Fach das Lebendige ist, hält sich dieses doch fein vom Leib. Ihr unausgesetzt ratterndes Gehirn sorgt dafür, daß ihr nichts und niemand zu nahe kommt. Wie unter Zwang hängt sie jeder Sache des Lebens ein Wortkärtchen an, nicht unähnlich dem Zettelchen des Pathologen am Zeh der aufgebahrten Leiche. Es ist ein Anti-Empathieprogramm, das Lohmark abspult.
Schalansky gibt die Denk-Stimme ihrer misanthropischen Heldin in einer stark heruntergekühlten, glasharten Sprache wieder. Eigentlich selbstverständlich, und doch in seiner Konsequenz überraschend, daß sie diesen strengen Duktus das gesamte Buch über beibehält. Die sprachliche Virtuosität, zu der sie fähig ist, wird ganz in den Dienst der Erzählstimme gestellt und zeigt sich dementsprechend nicht in Lyrismen und weitausschwingenden rhythmischen Sätzen, sondern in Verknappung und Härtung des Ausdrucks.
Eine schöne Besonderheit des Romans sind die textbegleitenden Illustrationen, 22 an der Zahl, die neben anderem die Doppelhelix, die Steller’sche Seekuh (trotz ihrer riesenhaften Gestalt hat sie etwas Knuffiges), den Archaeopteryx, den Quastenflosser, Quallen und das Schnabeltier zeigen. Die Silhouette einer Giraffe, mit weiß eingedrucktem Skelett, ziert den grobleinenen, schwarzgeprägten Buchumschlag. Der Kopf fehlt.
Der Hals der Giraffe ist ein ganz anders geartetes Buch als der Atlas der abgelegenen Inseln, den Judith Schalansky zuletzt veröffentlicht hat, so wie dieser seinerseits kaum Berührungspunkte mit ihrem literarischen Debüt, Blau steht dir nicht, aufweist (das übrigens dieser Tage als Taschenbuch erschienen ist). Der Hals der Giraffe bestätigt den hervorragenden Eindruck dieser früheren Bücher. Wer sich für neue deutschsprachige Literatur interessiert, sollte Judith Schalansky auf seiner (Lese-)Liste haben. Sie ist schlicht und einfach gut. eioeu
Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe. Bildungsroman / 224 Seiten, Leinen / Suhrkamp Verlag, Berlin 2011 / 21,90 Euro