Johannes Secundus, Die Küsse

10. März 2010

DER ELFTE KUSS

Manche sagen, meine Küsse seien ganz
Unanständig,
Und sagen, so hätten doch unsere Väter
Nie geküßt -
Da hast du’s, Geliebte!
Ach, lieg ich bei dir
Und sterb ich in deinen Küssen,
Da kaum ich weiß, wo ich bin,
Wie soll ich da mich bekümmern um das,
Was die Menschen von meinen Küssen sagen?
- Da lacht sie, sie, die ich liebe,
Und legt ihrer Arme weißes Geschmeide
Mir um den Hals….. und küßt…..
Und küßt…..
Und spricht dann:
Du fürchtest wohl gar das gestrenge Urteil
Der Wohlanständigen?
Vor mein Gericht allein
Gehört diese Sache.

Johannes Secundus, Die Küsse / Gedichte / In der Übertragung von Franz Blei / Mit einem Nachwort von Mathias Greffrath und mit einem vorangestellten Gedicht “An den Geist des Johannes Secundus” von Goethe an Charlotte von Stein, 2. November 1776 / 24 Seiten, Bleisatz, Buchdruck, Fadenheftung / Friedenauer Presse, Berlin 1987 / 9,50 EUR

Reiner Sörries, Ruhe sanft

4. März 2010

Reiner Sörries, Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs / 331 Seiten mit 49 Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen / Butzon & Bercker, Kevelaer 2009 / 24,90 EUR

“Der Umgang mit den Toten ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Entsprechend hat sich die christliche Bestattungskultur in den letzten 2000 Jahren kontinuierlich verändert und den sozialen Entwicklungen angepasst – von den Katakomben der frühen Christen über den kollektiven Friedhof hin zur Waldbestattung und zur Verwandlung in Erinnerungsdiamanten. Letztere markieren den aktuellen Umbruch. Das lang bewährte ‘Erfolgsmodell’ des von der Gemeinschaft getragenen Friedhofs scheint zugunsten eines schillernden Spektrums von Beisetzungsmöglichkeiten für die individualisierte Gesellschaft seine Tragfähigkeit zu verlieren.
Wie geht es weiter? Ein Blick in Geschichte und Zukunft.” (Verlagstext)

Der Verfasser ist Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel und außerplanmäßiger Professor für Christliche Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Erlangen.

Ebenfalls zum Thema:

Matthias Nöllke/Christian Sprang (Hgg.), Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen / 208 Seiten, broschiert / Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009 / 7,95 EUR

“Todesanzeigen üben auf viele Menschen eine ungeheure Faszination aus. Ihre Lektüre erlaubt nicht nur den Abgleich mit den eigenen Lebensdaten, sie vermittelt mitunter auch ungewöhnliche und unterhaltsame Einblicke in das Leben der anderen.
Als Student hat Christian Sprang, heute Justiziar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, begonnen, Todesanzeigen zu sammeln. Was als Spaß in einer Wohngemeinschaft begann, entwickelte sich zu einem ungewöhnlichen Hobby. Schnell begannen Freunde und Bekannte, ihm eigene Fundstücke zu schicken. So entstand mit den Jahren eine inzwischen mehr als tausend Anzeigen umfassende Sammlung.
Die Auswahl in diesem Buch reicht von Selbstanzeigen (“Ich bin dann mal weg” oder “Ich wünsche euch allen eine schöne Zeit”), nachträglichen Klarstellungen (“Er hatte Vorfahrt” oder “Scheiß Motorrad”), Rätselhaftem (“Ein Gänseblümchen macht für immer Bubu”) über Hassanzeigen (“Jetzt wird gefeiert!” oder “Zum Tod von Dr. Volker P. fällt mir nur ein Wort ein: Danke! Ein Patient”) und letzte Grüße (“He Uli, es war schön mit dir”) bis zu überraschenden Motti (“Ein letztes Zapp-Zerapp” oder “s’is Feierobnd”).
Die Geschichten, die sich dahinter verbergen, sind herzzerreißend, skurril und komisch; sie zeichnen ein ungewöhnliches Bild vom Leben und Sterben in unserem Land, das beim Leser zu tröstender Erkenntnis und befreiendem Lachen führt. Schließlich gilt, wie in einer Anzeige lakonisch resümiert wird: Wer nicht stirbt, hat nie gelebt.” (Verlagstext)

Caspar Dohmen, Let’s make MONEY

26. Februar 2010

“Die meisten von uns wissen nicht, wo ihr Geld ist. Sicher ist jedoch, dass es sich nicht bei der Bank befindet, der wir es zur Verwahrung oder Vermehrung anvertraut haben. Die Bank speist unser Guthaben als Kredit in den Kreislauf des globalen Geldmarktes ein. Wo der Schuldner lebt und was er tut, um uns die Zinsen zu bezahlen, bleibt im Verborgenen. Die meisten von uns interessiert es auch nicht, denn die Banken haben einen Lockruf ausgegeben, dem wir gerne und vertrauensvoll folgen: Lassen Sie Ihr Geld arbeiten! Doch Geld kann nicht arbeiten – arbeiten können nur Menschen, Tiere oder Maschinen.

Nach We Feed the World, der spektakulären Dokumentation über das Essen, hat der Erfolgsregisseur Erwin Wagenhofer einen neuen aufrüttelnden Kinofilm gedreht: Let’s Make Money folgt in gewohnt investigativer Manier der Spur des Geldes.

Für orange-press begleitet der Wirtschaftsjournalist Caspar Dohmen den Film auf dieser Verfolgungsreise um die globalisierte Welt. Wo der Film die verschiedenen Seiten von Wachstum und Wahnsinn zeigt, erläutert er in seinem Buch die Hintergründe und klärt auf über die Zusammenhänge zwischen Staatsverschuldung und Steuerparadiesen, Sweatshops und Subprimekrisen.” (Verlagstext)

Caspar Dohmen, Let’s make MONEY. Was macht die Bank mit unserem Geld? / Das Buch zum Film von Erwin Wagenhofer / 256 Seiten, davon 32 Seiten farbige Stills, Klappenbroschur / Orange Press, Freiburg 2008 / 20,00 EUR

http://www.orange-press.com/fileadmin/PDF/money_inhaltsverz.pdf

Daphne van der Grinten – Modellhüte

26. Februar 2010

Ich weise die Besucher meines Blogs auf die schicken Hüte und Hauben von Daphne van der Grinten hin (siehe Links). Es werden auch Herrenhüte gefertigt. Meinolf Reul

http://www.daphnevandergrinten.de

Erasmus Schöfer, Der gläserne Dichter

25. Februar 2010

“Zahlreich sind in den vergan­genen Jahrhunderten die Zeugnisse über die Entbehrungen, die manchmal sogar lebensgefährdenden Anstrengungen der Autoren bei der Herstellung ihrer Kunstwerke. Der gläserne Dichter ist ein Buch, das anschaulich macht: Kunst geht aufs Ganze.
Der Dichter, dessen Existenzweise Erasmus Schöfer hier erkundet, wird einer Analyse unterworfen, die wie eine Computertomografie den Autor seziert – bis in die feinsten und geheimsten Antriebe und Bedingungen seines Lebens. Es ist eine unbarmherzig radikale Expedition in das Dasein dieses namenlosen Künstlers. Das Motiv der Forschungsreise ist, die psychischen, die materiellen und sozialen Widerstände aufzudecken, die dem Gelingen eines Kunstwerks in aller Regel entgegenstehen, deren Spuren aber meist aus ihnen getilgt sind, wenn es denn gelungen ist.
Künstlerbiografien, selbst oder fremd verfasste, haben es bisher kaum gewagt, die Schaffensbedingungen künst­lerischer Arbeit aus solch schonungsloser Nähe auszuleuchten. Zu Schöfers bitter-ironischem Porträt ge­hört die Schilderung sowohl des alltäglich-banalen Arbeitskampfes des Dichters am Schreibtisch mit seinen eigenen Schwächen, mit seinem Text und seiner Sprache, als auch seines Kampfes mit den Menschen und Kräften, die in der gesuchten Öffent­lichkeit, dem Lite­raturmarkt, der Ge­sellschaft, eine Anerkennung und Wirkung seines Werks behindern.
Dabei geht es Schöfer nicht um eine Zeichnung der erfolgverwöhn­ten Großschriftsteller – obwohl auch deren Existenz (gut verheimlicht) ähnliche Merkmale aufweisen dürfte –, sondern eher um Dichter, deren Werk erst spät oder nach ihrem Tod gerühmt, in seinem Wert und seiner Wahrheit erkannt wird.
Der hier geschilderte Dichter ist kein versponnener Romantiker. Er ist ein Realist, scharfsichtig und sel­ten barmherzig gegenüber sich selbst und der Welt, in die er geboren worden ist.” (Verlagstext)

Erasmus Schöfer, Der gläserne Dichter / Eine Besichtigung / 144 Seiten / Dittrich Verlag, Berlin 2010 / 16,80 EUR – erscheint am 5.3.2010

Gedächtnisspiele und Magnetlesezeichen

24. Februar 2010

Neu bei Reul. Ist schön gemacht und intelligent. Die Preise liegen bei 15,80 Euro für die Memory-Spiele und 2,20 Euro für die Magnetlesezeichen.

http://www.pixelproducts.de

Don DeLillo, Der Omega-Punkt

23. Februar 2010

Ein junger Filmemacher sucht einen ehemaligen geheimen Kriegsberater der amerikanischen Regierung in dessen Haus irgendwo in der kalifornischen Wüste auf. Er hofft, ihn für eine Dokumentation gewinnen zu können. Als die Tochter des älteren Mannes auftaucht, nimmt die Geschichte einen verhängnisvollen Lauf.

Im MoMa in New York betrachtet ein Mann eine Installation: Hitchcocks “Psycho”, verlangsamt auf eine Spielzeit von 24 Stunden. Und er betrachtet zwei Männer, einen älteren, einen jüngeren, die sich die Installation anschauen. Schnitt.
Mitten in der Wüste, “südlich von Nirgendwo”, lebt der dreiundsiebzigjährige Richard Elster in einem einsam gelegenen Haus. Hierher hat er sich zurückgezogen, um über Raum und Zeit nachzudenken. Elster, ein Gelehrter, der sich jahrelang mit dem Thema Auslöschung in all seinen Varianten beschäftigt hat, diente der amerikanischen Regierung während des Irakkriegs zwei Jahre lang als geheimer Berater, er sollte ihre Kriegshandlungen mit einem intellektuellen Referenzrahmen versehen. Als seine Dienste nicht mehr gebraucht werden, zieht er sich in die Wüste zurück.
Dort besucht ihn Jim Finley, ein junger Filmemacher, der Elster von seinem Filmprojekt überzeugen möchte: eine Dokumentation ganz ohne Schnitt, nur eine einzige Einstellung: ein Mann – Elster – vor einer Wand. Keine Fragen aus dem Off, keine Regieanweisung. Zwölf Tage schon diskutieren die beiden Männer, als Elsters Tochter Jessie auftaucht, eine junge Frau aus New York, die die Dynamik der ganzen Geschichte grundlegend verändert. Etwas Unfassbares geschieht, und alles Gesagte wird in Frage gestellt.
Der Omega-Punkt ist ein tief verstörendes, brillantes Werk über Verlust und Verschwinden von einem der größten Schriftsteller der Gegenwart.” (Verlagstext)

Don DeLillo, Der Omega-Punkt / Aus dem Englischen (USA) von Frank Heibert / 128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag / Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010 / 16,95 EUR – Erscheinungstermin war gestern.

Schlag nach bei Marx

22. Februar 2010

pro:fem (Hg.), Auf der Suche nach der vergeudeten Zeit / Überforderung ist Unterforderung / 102 Seiten, broschiert / Argument Verlag, Hamburg 2009 / 7,00 EUR

“»Überforderung«, bei Google eingegeben, ergibt 3 Millionen Einträge. Viele Menschen beschreiben das zunehmende Gefühl von Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, Gehetztsein als Überforderung – und die daraus entstehenden krankmachenden oder blockierenden Effekte. Das Lösungsangebot ist groß: Anti-Stress-Trainings, Burn-out-Kuren, Work-Life-Balance – so heißen neudeutsch die Strategien, Arbeit und Leben befriedigend zu verteilen.
Die Autorinnen begeben sich auf die Suche nach den gesellschaftlichen und individuellen Gründen von Überforderung. Sie entdecken dabei, dass Überforderung häufig ein Resultat menschlicher Unterforderung ist, nämlich nicht wirklich Mensch sein zu können, seine Anlagen nicht entwickeln zu können, sich weder um sich noch um andere sorgen zu können, politisch keinen Einfluss zu haben.
Mitgearbeitet haben: Britta Cacioppo, Karen Haubenreisser, Frigga Haug, Angelika Huntgeburth, Jutta Meyer-Siebert, Cornelia Möhring, Elke Peine, Heike Peper, Heike Rupp, Marlies Strehlow, Siegrid Wittenberg.” (Verlagstext)

pro:fem – Verbund Hamburger Frauen- und Mädcheneinrichtungen

http://www.argument.de

Fuad Rifka und Klaus Hinrich Stahmer

20. Februar 2010

Atelier neuer Musik
Heute, 22.05 Uhr bis 22.50 Uhr, Deutschlandfunk
Gesänge eines Holzsammlers
Der Komponist Klaus Hinrich Stahmer begegnet dem libanesischen Lyriker Fuad Rifka

Fuad Rifka, Rezitation
Horst Mendroch, Sprecher
Pi-Hsien Chen, Klavier
Murat Coskun, Perkussion
Gilbert Yammine, Quanun
Aufnahmen aus dem Deutschlandfunk Kammermusiksaal vom Februar 2009

“Regelmäßig initiiert Klaus Hinrich Stahmer künstlerische Begegnungen mit außereuropäischen Kulturen. Im folgenden Fall traf der Würzburger Komponist den 80-jährigen libanesischen Lyriker Fuad Rifka. Rifka hatte einst in Heidelberg über Heidegger promoviert und die erste Anthologie deutscher Lyrik im arabischen Raum editiert – Stahmer entwickelte eine Vorliebe für afrikanische Trommeln und hat für zahlreiche fernöstliche Instrumente komponiert. Zur Klangwelt der arabischen Lyrik schrieb Stahmer Klaviermusik, der alles Folkloristische fehlt. Dennoch oder genau deshalb ergibt sie den Rahmen für das hier zweisprachig produzierte musikalische Sprechdrama, in dem sich Musik und Sprache und Orient und Okzident auf Augenhöhe begegnen.” (Text Deutschlandfunk)

Näheres zu Fuad Rifka auf der Website des Verlags Straelener Manuskripte, bei dem Das Tal der Rituale lieferbar ist.

http://www.straelener-manuskripte.de/NeueFolge/NFindex.html

http://www.khstahmer.de/?page_id=252


Leopold von Wiese, Kadettenjahre

19. Februar 2010

Leopold von Wiese und Kaiserswaldau (1876-1969, der Begründer der Soziologie), berichtet über seine Kindheit in der preußischen Kadettenanstalt Wahlstatt.

Die tageszeitung bringt heute ein interessantes, lesenswertes Interview mit Matthias Franz, Professor am Institut für Psychosomatische Medizin an der Universität Düsseldorf, zum Thema “Männliche Vorbilder”. Franz sagt, daß frühere Erziehungsbilder (”der Maschinenmann aus der Wilhelminischen und Weimarer Zeit, der Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg”) “transgenerational bis heute [wirken]“. Den Erfolg von Michael Hanekes vielfach preisgekröntem Film “Das weiße Band” sieht er als Indiz hierfür.

Über die Erziehung zum “Maschinenmann”, das sind “Männer, die unter allen Umständen funktionieren müssen”, gibt die Literatur Auskunft. Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß zum Beispiel (auch Volker Schlöndorffs Verfilmung: “Der junge Törleß”), Hermann Hesses Unterm Rad, oder Leopold von Wieses Aufzeichnungen Kadettenjahre, deren vorderer Umschlagtext schon einen Eindruck vom Drama des jungen Wiese gibt:

“Wenn Du mich nicht aus dem Korps herausnimmst, dann muß ich ganz und gar verzweifeln. Ich glaube, ich komme um. Und das ist nicht bloß am Anfang, sondern immer. Liebe, liebe Mama, ich würde Dir unendbar danken. Ich bitte Dich unendbar. Ich habe es schrecklich. Herr Leutnant Dahn hat mir ausnahmsweise, damit ich nicht mehr weine, Vanilleeis gegeben.”

Der Pädagoge Hartmut von Hentig hat den Band – erstmals 1924 unter dem Titel Kindheit; Erinnerungen aus meinen Kadettenjahren im Verlag Paul Stegemann, Hannover, erschienen – bei Langewiesche-Brandt neu herausgegeben (1978 und 1981) und mit einem klaren, scharfen, leidenschaftlichen Vorwort versehen:

“Leopold von Wieses Erinnerungen an seine Kadettenjahre werden Geist und Herz derer bewegen, die sie lesen. Nichts, was ein Dritter dazu sagen kann, wird die Bewegung verstärken. Ja, nichts soll zwischen den einfachen Bericht über die menschliche Unmenschlichkeit seiner ‘Kindheit’ und unsere Wahrnehmung davon treten. Ich traue dieser kleinen Schrift auch zu, die politische Absicht des Autors ohne weitere Hilfe in unserer Zeit wie in seiner Zeit auszutragen: den Verantwortlichen unaufdringlich nahezulegen, daß sie die Wiederholung solcher Monstrosität zu verhindern haben.”

Leopold von Wiese, Kadettenjahre / Mit einer Einführung von Hartmut von Hentig / 96 Seiten, Englische Broschur, Fadenheftung / Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1981 / 10,00 Euro

http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/so-gross-ist-der-vaterhunger-herzzerreissend/