Leopold von Wiese und Kaiserswaldau (1876-1969, der Begründer der Soziologie), berichtet über seine Kindheit in der preußischen Kadettenanstalt Wahlstatt.
Die tageszeitung bringt heute ein interessantes, lesenswertes Interview mit Matthias Franz, Professor am Institut für Psychosomatische Medizin an der Universität Düsseldorf, zum Thema “Männliche Vorbilder”. Franz sagt, daß frühere Erziehungsbilder (”der Maschinenmann aus der Wilhelminischen und Weimarer Zeit, der Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg”) “transgenerational bis heute [wirken]“. Den Erfolg von Michael Hanekes vielfach preisgekröntem Film “Das weiße Band” sieht er als Indiz hierfür.
Über die Erziehung zum “Maschinenmann”, das sind “Männer, die unter allen Umständen funktionieren müssen”, gibt die Literatur Auskunft. Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß zum Beispiel (auch Volker Schlöndorffs Verfilmung: “Der junge Törleß”), Hermann Hesses Unterm Rad, oder Leopold von Wieses Aufzeichnungen Kadettenjahre, deren vorderer Umschlagtext schon einen Eindruck vom Drama des jungen Wiese gibt:
“Wenn Du mich nicht aus dem Korps herausnimmst, dann muß ich ganz und gar verzweifeln. Ich glaube, ich komme um. Und das ist nicht bloß am Anfang, sondern immer. Liebe, liebe Mama, ich würde Dir unendbar danken. Ich bitte Dich unendbar. Ich habe es schrecklich. Herr Leutnant Dahn hat mir ausnahmsweise, damit ich nicht mehr weine, Vanilleeis gegeben.”
Der Pädagoge Hartmut von Hentig hat den Band – erstmals 1924 unter dem Titel Kindheit; Erinnerungen aus meinen Kadettenjahren im Verlag Paul Stegemann, Hannover, erschienen – bei Langewiesche-Brandt neu herausgegeben (1978 und 1981) und mit einem klaren, scharfen, leidenschaftlichen Vorwort versehen:
“Leopold von Wieses Erinnerungen an seine Kadettenjahre werden Geist und Herz derer bewegen, die sie lesen. Nichts, was ein Dritter dazu sagen kann, wird die Bewegung verstärken. Ja, nichts soll zwischen den einfachen Bericht über die menschliche Unmenschlichkeit seiner ‘Kindheit’ und unsere Wahrnehmung davon treten. Ich traue dieser kleinen Schrift auch zu, die politische Absicht des Autors ohne weitere Hilfe in unserer Zeit wie in seiner Zeit auszutragen: den Verantwortlichen unaufdringlich nahezulegen, daß sie die Wiederholung solcher Monstrosität zu verhindern haben.”
Leopold von Wiese, Kadettenjahre / Mit einer Einführung von Hartmut von Hentig / 96 Seiten, Englische Broschur, Fadenheftung / Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1981 / 10,00 Euro
http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/so-gross-ist-der-vaterhunger-herzzerreissend/