Abschieds-Kaffee

4. Dezember 2011

Zum 31. Dezember 2011 schließt, im 103. Jahr ihres Bestehens, die Buchhandlung Reul, vormals Buchhandlung Schröer (deren Geschichte in Berlin, in Gestalt der Schröerschen Buchhandlung meiner Schwester Margarethe Haimberger, fortgeführt wird).

Eine Einladung zu Kaffee, Spekulatius und Marzipan bietet letzte Gelegenheit, der Buchhandlung Lebewohl zu sagen (ich selbst werde nicht sterben, nicht sofort jedenfalls, also nicht zu traurig sein!). Ich würde mich freuen, übernächsten Samstag einige der guten Menschen zu begrüßen, die in den letzten fünf Jahren – und viele auch schon vor meiner Zeit – bei Reul ein und aus gegangen sind.
Von dieser Stelle aus auch liebe Grüße an alle diejenigen, die so freundlich waren, hier aus ihren Büchern zu lesen oder ihre Verlage vorzustellen:
Mirko Schädel (Achilla Presse), Dr. Renate Birkenhauer (Straelener Manuskripte), Daniela Seel (kookbooks), Dr. Bernhard Albers (Rimbaud), Urs Engeler (Urs Engeler Editor, roughbooks), Christian Ruzicska und Susanne Schenzle (Secession Verlag), Viola Eckelt und Axel von Ernst (Lilienfeld Verlag), Adrian Kasnitz (parasitenpresse), Stefan Weidle (Weidle Verlag), Christoph Wenzel ([SIC]-Literaturverlag) – die Verleger an erster Stelle, weil es ohne sie keine Bücher gäbe -, Achim Wagner, Judith Schalansky, Robert Seethaler, Inge Deutschkron, David Wagner, Felicitas Hoppe, Reinhard Kiefer, Frank Schablewski, Christoph Leisten, Robert Mattheis, Zora del Buono, Svenja Leiber, Marc Degens,
und an die, die gelesen und Musik gemacht und Theater gespielt haben: Max Pothmann und Daniel Wouters (Wort und Tonschlag), Anja Peters und Jan Grunewald (Modulator), Udo Höppner, Simon Seeberger und Daniel Bucksteeg (Duo Seeberger-Bucksteeg),
und an die bildenden Künstler, deren Werke mich erfreuten und erfreuen: Jürgen Behet, Frank Raß, Axel Theyhsen, Ansgar Reul, Monika Behrens.
Allen meinen besten Dank!
M. R.

Abschieds-Kaffee
Samstag, 17. Dezember 2011

ab 11.00 Uhr

Buchhandlung Reul, Maasstraße 17, Kevelaer

Erika Mann, Zehn jagen Mister X

31. Oktober 2011

- frisch eingetroffen -

“Als Erika Manns bester Roman 1990 in Ostberlin endlich erstmals auf Deutsch herauskam, verschwanden die 10.000 Exemplare im Nirgendwo wie die DDR – wahrscheinlich landete ein Großteil druckfrisch im Altpapier. Bei seinem Ersterscheinen 1942 in New York war an eine deutsche Ausgabe nicht zu denken: Erika Mann wirbelte, ausgebürgert, auch in den USA unermüdlich gegen die Nazis, denen sie ein Dorn im Auge war – was die emigrierte Autorin, Journalistin und gelernte Schauspielerin nicht eben wenig freute.
Nach dem Zweiten Weltkrieg interessierten sich in Deutschland nur wenige für sie und niemand für ihr Buch, einen atemberaubenden Jugendroman nach dem Muster von Erich Kästners weitaus harmloseren Klassiker Emil und die Detektive. Nur ihre in den dreißiger Jahren erschienenen Kinderbücher Stoffel fliegt übers Meer, Muck, der Zauberonkel und eine neue Jugendbuchserie wurden in den fünfziger Jahren mit Erfolg neu aufgelegt. Dennoch wurde Erika Mann kaum als Schriftstellerin wahrgenommen, sondern vor allem als Tochter und einflußreiche Beraterin Thomas Manns – eine Rolle, die sie sich, nach dem Ende der Hitlerdiktatur, zur neuen Lebensaufgabe machte.
Mit der Exilforschung einerseits, dem gestiegenen Interesse an schreibenden Frauen und an der Schriftstellerfamilie Mann andererseits, rückte auch Erika Mann und ihr umfangreiches Werk wieder ins Blickfeld. Zu ihrem 100. Geburtstag 2005 kamen fast alle ihre Bücher wieder in den Buchhandel. Nur Zehn jagen Mr. X blieb dabei erneut auf der Strecke. Mit der Neuveröffentlichung in der Reihe “Arco Orca” kann Erika Manns vergessener Roman jetzt endlich gelesen werden.” (Verlagstext)

“Spannend …  glänzend erzählt, für Kinder und für Erwachsene auch.” – Golo Mann

“Kinder-Spionage-Krimi… spannend… mit der für Erika Mann typischen Erzählfreude.” – Ute Kröger

Zum Inhalt:
“Kalifornien ist ein paradiesisches Stück Erde. Das ist auch schon 1942 so… Doch in jenem Sommer passieren im Städtchen El Peso an der Westküste eine ganze Menge Dinge, die ein bisschen anders sind als sonst. Es ist Krieg, aber der Krieg ist zum Glück noch ziemlich weit weg: In Europa, Asien, auf Hawaii oder draußen im Pazifik. Nur an der neuen Rüstungsfabrik merkt man schon, dass auch die Amerikaner jetzt gegen Hitler und gegen Japan kämpfen.
Das ist aber trotzdem eine Nebensache, wenn es um die “Neue Welt” geht. Das ist die Schule von Rombout, Björn, Tschuschu, Nelson, Ivan, Betsy, Madeleine, Chris und den anderen. Zugegeben, da sind ein paar merkwürdige Namen bei. Das liegt an der komischen Mischung an der “Neuen Welt”: Hier wohnen und lernen Kinder aus allen möglichen Ländern. Sie sind Flüchtlinge, die meisten auf der Flucht vor Hitler und seinen Verbündeten. Aus Holland, Norwegen, Rußland, Frankreich, England und anderswo. Später lernen sie auch ausgerechnet einen Deutschen, Franz, kennen, der ja auf den ersten Blick eigentlich nicht so ganz dazu paßt, aber das ist eine lange Geschichte.
Die “Neue Welt” ist noch aus einem anderen Grund eine besondere Schule, nämlich ein “Kinderstaat, von Kindern organisiert, regiert und in Gang gehalten”. Hier haben also die Kinder das Sagen, jedenfalls ziemlich viel zu sagen. Die “Vereinten Kinder” der “Neuen Welt”, aus Staaten der “Vereinten Nationen”, sind froh, hier zu sein. Sie erzählen sich ihre Geschichten: wo ihre Eltern sind, warum sie von Zuhause flüchten mussten, was sie im Krieg erlebt haben und vieles mehr. Jetzt fühlen sie sich sicher. Doch der Frieden trügt. Der geheimnisvolle Mr. X  soll den Terror in die Vereinigten Staaten, mitten unter sie, tragen. Die jugendliche “Gang of Ten” kommt ihm auf die Spur – und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.
Fast immer mit dabei: “Depesche”, Reporterin einer großen Zeitung aus Washington und bald die beste Freundin der Gang.” (Verlagstext)

Erika Mann, Zehn jagen Mr. X / Roman / Aus dem Englischen (USA) von Elga Abramowitz / Mit  Nachworten von Golo Mann und  Christoph Haacker / Herausgegeben von Christoph Haacker / 272 Seiten, illustriert, gebunden, Fadenheftung / Arco Verlag, Wuppertal 2011 / 16,00 Euro (Reihe Arco Orca Band 3)

Verlagsprofile (11): [SIC]-Literaturverlag

16. Oktober 2011
Christoph WenzelDer [SIC]-Literaturverlag ist aus der seit 2005 erscheinenden Zeitschrift [SIC] hervorgegangen und wurde von Christoph Wenzel und Daniel Ketteler gegründet, beide auch selber Autoren. Der Verlagssitz ist Aachen, doch gibt es eine Dépendance in Zürich, wo Ketteler als Arzt praktiziert.
Christoph Wenzel stellt die beiden ersten Bücher des Verlags, und auch die Zeitschrift vor, deren kommende Ausgabe mit einem Schweiz-Schwerpunkt erscheinen wird. Daneben wird er aus eigenen Arbeiten lesen (Wenzels Debut ist im Rimbaud Verlag herausgekommen, der soeben zu einer Jubiläums-Lesung bei Reul zu Gast war). Ein kleines Gespräch mit dem Buchhändler beschließt den Abend.

Verlagsprofile (11): [SIC]-Literaturverlag
Freitag, 18.11.2011, 19.30 Uhr
Buchhandlung Reul, Maasstraße 17, Kevelaer

Eintritt 5,00 Euro. Für einen freiwilligen Kostenbeitrag für Wein und Gebäck steht eine Sparbüchse bereit.

Jürgen Ploog, Unterwegssein ist alles. Tagebuch Berlin-New York / 160 Seiten, mit zahlreichen Illustrationen, gebunden / 19,00 Euro

Achim Wagner, flugschau / Gedichte / 72 Seiten, gebunden / 16,00 Euro

Enno Stahl porträtierte den [SIC]-Literaturverlag im “Büchermarkt” des Deutschlandfunks (Sendung vom 6.9.2011):

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1547822/

Verlagsprofile extra: 30 Jahre Rimbaud Verlag – Jubiläumslesung

11. Oktober 2011

Christoph Leisten

Vor dreißig Jahren wurde der Aachener Rimbaud Verlag gegründet. Unter der Leitung von Dr. Bernhard Albers hat er sich seitdem zu einem renommierten unabhängigen Verlag mit einem eindrucksvollen und umfangreichen literarischen Programm entwickelt. – Im Rahmen der Jubiläumslesungen präsentiert Rimbaud-Autor Christoph Leisten neben eigenen, vom Feuilleton hoch gelobten Texten auch Werke von Arthur Rimbaud, Ernst Meister, Rose Ausländer, Dagmar Nick und Reinhard Kiefer.
Im Anschluß an die Lesung besteht die Gelegenheit zum Austausch mit Christoph Leisten und Verleger Dr. Bernhard Albers. Eintritt frei.
http://www.rimbaud.de/

Verlagsprofile (10): Rimbaud Verlag, Aachen
Mittwoch, 12.10.2011
19.30 Uhr
Buchhandlung Reul, Maasstraße 17, Kevelaer

Achim Wagner, flugschau

6. Oktober 2011

„du musst näher kommen / sonst kann ich dir nicht ausweichen“

flugschau heißt der neue Gedichtband von Achim Wagner, der jetzt im neu gegründeten [SIC]-Literaturverlag erschienen ist.

Wagners Gedichte sind meist knapp gehalten, kurzzeilig, durchgehend kleingeschrieben, ohne Interpunktion. Ihr Inhalt ist nicht leicht zu bestimmen. Zwar weisen nicht nur der Buchtitel, sondern auch die allesamt dem Begriffsfeld der Luftfahrt entliehenen Gedichtüberschriften („das tiefenruder senken“, „die böen parieren“, „abschmieren“, „heruntergehen“, „hochlassen“ etc. – übrigens jeweils mit entsprechendem französischen Pendant) wie auch einzelne Signalwörter innerhalb der Texte auf das Thema des Fliegens hin; dies indes scheint mehr eine Folie zu sein. Tatsächlich handelt es sich um Gedichte der Begegnung, der Liebe, auch des Entliebens (so im allerersten, „ballast abwerfen“).

Bleibt das lyrische Ich in der Anonymität, haben die Frauen, auf die es – wirklich oder in Gedanken – trifft, Namen (nur einmal heißt es schlicht “ma chère”). Dies ist aber wohl nicht im Sinne einer je verschiedenen Identität zu verstehen, zumal sie sich im dreidutzendfachen Wechsel von Ophélie zu Viviane zu Clarisse zu Noémie, Sandrine, Cécile, Nicolette, Fabienne etc. wie beim Farbkreisel zu einem Weiß neutralisieren, einer Projektionsfläche, einem Du.

Räumlichkeiten, Wohnsituationen werden aufgerufen, öffentliche Orte, flüchtige Bleiben. Wände werden gestrichen (”die fliegerin”), ein Krankenbesuch gemacht (”die rolle”) – schön gesehen hier das Bild des “mühsamen ventilator[s]” und der “einfältige[n] tischlampe”. Zeitangaben lassen an Verabredungen denken oder an den Arbeitsplan von Stewardessen. Oder sie begleiten ein Erinnern: „ich fand diesen rock die schuhe / um 16 Uhr 37“.
Gesprächsfetzen, Geräusche, Beobachtungen im Vorübergehen fügt Wagner kunstvoll zusammen, zuweilen erinnern die Gedichte an die poèmes-conversations Guillaume Apollinaires, in denen dieser die Rastlosigkeit des Lebens in der Metropole Paris und die simultane ungeordnete Wahrnehmung des Dichter-Flaneurs wiederzugeben suchte (Calligrammes, postum 1918). Ticken, Summen, Knistern, Rascheln, Rauschen, aber auch „töne aus glas“ oder der „klang von emmanuelles fahrrad“ sind als akustisches „hintergrundmaterial“ in den Gedichten präsent und geben ihnen eine stoffliche Sinnlichkeit, wie auch die wechselnden Beleuchtungsverhältnisse und Lichtquellen zwischen „positionslichtern“, „abblendlicht“ und „neon / zeichen“.

Der Band bietet, dem Titel entsprechend, leicht und licht anmutende, auf eine unaufdringliche Art auch artistische, Gedichte. Die Schwere und Materialität, die in ihnen eingeschlossen ist, hat dank Wagners Sprach- und Formkunst etwas Sublimes und Durchlässiges, so daß man das Buch eher dem französischen als dem deutschen Geist zuschlagen möchte.

Achim Wagner, 1967 geboren, lebt in Köln und Ankara. Es wäre schön, demnächst von ihm ‘türkische’ Gedichte, Prosaminiaturen und Nachdichtungen lesen zu dürfen. mottz

Achim Wagner, flugschau / Gedichte / 72 Seiten, gebunden, mit 4 Illustrationen von Felix Beckheuer / [SIC]-Literaturverlag, Aachen & Zürich 2011 / 16,00 Euro

Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe

26. September 2011

Der Hals der Giraffe erzählt drei Tage aus dem Leben der Lehrerin Inge Lohmark, die an einer Schule in einer Kreisstadt in Vorpommern Biologie und Sport unterrichtet. Seit über dreißig Jahren tut sie das, doch in vier Jahren soll Schluß sein. Dem Charles-Darwin-Gymnasium geht der Nachwuchs aus. Ihre Klasse, die Klasse 9 – die letzte, die noch bis zum Abitur geführt werden soll – hat nur mehr zwölf Schüler; ein Sitzplan, der auf den ersten Seiten des Romans in stilisierter Form abgebildet ist, gibt Auskunft über ihre Namen, die Lehrerin hat sie mit bissigen bis bösen Notizen versehen. Ihre Devise: “Schüler waren natürliche Feinde.” Bei Inge Lohmark gibt es kein Lullipulli, kein Anbiedern, keine Kuschelpädagogik.
Auch gegenüber ihren – glänzend porträtierten – Lehrerkollegen läßt Lohmark keine Milde walten. Ihre sarkastischen und unbarmherzigen Beobachtungen (der Leser nimmt ihre Garstigkeit als witzig wahr) zeigen eine Frau, die zum Lachen in den Keller geht und sich noch da die Hand vor den Mund hält. Dazu paßt die effiziente Syntax. Könnte ein Text eine Frisur haben: dieser trüge einen Dutt.

“Naturhaushalte”, “Vererbungsvorgänge” und “Entwicklungslehre” sind die drei Teile von Der Hals der Giraffe überschrieben. Es sind Themenbereiche aus dem Lehrplan. Lohmark fühlt sich diesem durchaus verpflichtet, allein, ihr wissenschaftsgläubiges Weltbild, so wie sie es Jahr für Jahr an ihre Schüler weitergibt, hat Risse bekommen, ist sozusagen agnostisch geworden. Sie hat gelernt, daß die Natur nicht in jedem Fall nach Darwins Pfeife tanzt. “Alle pflanzten sich munter fort. Nur ihre Artgenossen nicht.” Auch Claudia nicht, ihre Tochter, die seit Jahren in den USA lebt und der Mutter den – ersehnten? erwarteten? – Enkel verwehrt. (Es gibt auch einen Ehemann, Wolfgang, der öfters erwähnt wird, aber immer nur am Rand auftaucht, ein bißchen so wie Willie in Becketts Glückliche Tage.)

Zur transzendentalen Obdachlosigkeit des Menschen hat sich die biologische Verwirrung gesellt. “Eingezwängt im Kausalkettenhemd, das Ich als neuronale Illusion” – keine bequeme condition humaine. Lohmarks straffe Unterrichtsführung versucht, was aus dem Ruder läuft, durch Zucht und Ordnung wieder in die Spur zu setzen. Doch ihr pfeilgerades Denken hat Schlagseite bekommen. Sie vermag der von ihr lange hergebeteten teleologischen Dimension der Darwin’schen Lehre – “Jeder Urfisch, jeder Urschmetterling, jedes Urreptil wollte im Grunde ein Säugetier werden. Und jeder homo sapiens ein makelloses Zukunftswesen” – nicht mehr zu folgen. Wertfreie Tautologien treten an die Stelle von Glaubenssätzen und Gewißheiten: “Entwicklung war Entwicklung [...] Wer überlebt, überlebt.” Sie, die ganz von der ratio geprägt ist, muß sich eingestehen, daß es nicht unbedingt von Vernunft zeugt, immer vernünftig zu sein. Ihr gedankliches Ausscheren aus der Darwin’schen Bahn verrät die tiefe Verunsicherung, in die nicht zuletzt ihre latent erotische Faszination für die Schülerin Erika sie stürzt. “Noch einmal auf vier Pfoten laufen, im Vierfüßlergang”, oder, an anderer Stelle: “Ein Tier müsste man sein. Ein wirkliches Tier. Ohne ein Bewusstsein, das den Willen hemmt”, oder, vollends absurd: “Wäre man grün, [...].” Regression als Ausweg.
Regression und Distanz. Denn Lohmark, deren Fach das Lebendige ist, hält sich dieses doch fein vom Leib. Ihr unausgesetzt ratterndes Gehirn sorgt dafür, daß ihr nichts und niemand zu nahe kommt. Wie unter Zwang hängt sie jeder Sache des Lebens ein Wortkärtchen an, nicht unähnlich dem Zettelchen des Pathologen am Zeh der aufgebahrten Leiche. Es ist ein Anti-Empathieprogramm, das Lohmark abspult.

Schalansky gibt die Denk-Stimme ihrer misanthropischen Heldin in einer stark heruntergekühlten, glasharten Sprache wieder. Eigentlich selbstverständlich, und doch in seiner Konsequenz überraschend, daß sie diesen strengen Duktus das gesamte Buch über beibehält. Die sprachliche Virtuosität, zu der sie fähig ist, wird ganz in den Dienst der Erzählstimme gestellt und zeigt sich dementsprechend nicht in Lyrismen und weitausschwingenden rhythmischen Sätzen, sondern in Verknappung und Härtung des Ausdrucks.

Eine schöne Besonderheit des Romans sind die textbegleitenden Illustrationen, 22 an der Zahl, die neben anderem die Doppelhelix, die Steller’sche Seekuh (trotz ihrer riesenhaften Gestalt hat sie etwas Knuffiges), den Archaeopteryx, den Quastenflosser, Quallen und das Schnabeltier zeigen. Die Silhouette einer Giraffe, mit weiß eingedrucktem Skelett, ziert den grobleinenen, schwarzgeprägten Buchumschlag. Der Kopf fehlt. 

Der Hals der Giraffe ist ein ganz anders geartetes Buch als der Atlas der abgelegenen Inseln, den Judith Schalansky zuletzt veröffentlicht hat, so wie dieser seinerseits kaum Berührungspunkte mit ihrem literarischen Debüt, Blau steht dir nicht, aufweist (das übrigens dieser Tage als Taschenbuch erschienen ist). Der Hals der Giraffe bestätigt den hervorragenden Eindruck dieser früheren Bücher. Wer sich für neue deutschsprachige Literatur interessiert, sollte Judith Schalansky auf seiner (Lese-)Liste haben. Sie ist schlicht und einfach gut. eioeu

Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe. Bildungsroman / 224 Seiten, Leinen / Suhrkamp Verlag, Berlin 2011 / 21,90 Euro

Peter Handke, Die Geschichte des Dragoljub Milanović

14. September 2011

“Es geschah am 23. April 1999 gegen zwei Uhr nachts, als Kampfflugzeuge der NATO das Gebäude des RTS, des Radio-Televizija Srbije, des serbischen Radios und Fernsehens, mit gezielten Bomben zerstörten und 16 Mitarbeiter den Tod fanden.
Nicht unter den Toten war der Direktor des RTS, Dragoljub Milanović. Er hatte das Haus nach einem arbeitsreichen Tag eine halbe Stunde vorher verlassen, um sich schlafen zu legen. Er wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dass der Sender mitten in Belgrad ein Angriffsziel sein könnte; blauäugig oder nicht, aber so war es.
Die spätere serbische Regierung sah das unter veränderten politischen Zielsetzungen anders und verurteilte Milanović mit der Begründung, er hätte das gesamte Personal rechtzeitig evakuieren müssen, zu einer zehnjährigen Haftstrafe, die er seither in dem Gefängnis von Požarevac absitzt.
Peter Handke erzählt diese Geschichte aus der Sicht eines Beobachters, der sich dagegen zur Wehr setzt, dass offenkundiges Unrecht ihm die Sprache verschlägt. So erzählt er, was war und was ist, zur Kenntnisnahme und mit Anteilnahme, vielstimmig und geradlinig zugleich.” (Verlagstext)

Das stille schmale Buch ist geeignet, den ganzen hohltönenden Propaganda-Quatsch, der das militärische Eingreifen der ‘westlichen Staatengemeinschaft’ (der nicht alle westlichen Staaten angehören) seit jeher begleitet, Lügen zu strafen – wenn es denn Gehör findet. Handkes – allen Anfeindungen zum Trotz – mit Hartnäckigkeit betriebene Gegengeschichtsschreibung, die sich die offizielle Lesart der Geschehnisse, die den Zerfall der einstigen Bundesrepublik Jugoslawien begleiteten, zu bezweifeln erlaubt, und in der die Zuschreibungen des Guten und Bösen nicht so schematisch und farbblind erfolgen, wie die “Fernkrieger” es gerne wahrhaben wollen, ist nach wie vor hochaktuell – auch wenn der Kosovokrieg, um den es hier speziell geht, vorbei ist. Denn längst laufen andere Konflikte, nach ähnlichem Strickmuster, mit vergleichbarer Rollenverteilung. Gleich geblieben ist die Manier, Kollateralirrtümer zu fingieren (Handke prangert es zu Recht an) oder von “Luftschlägen” zu sprechen, wenn Boden-Bombardements gemeint sind. Gleich geblieben ist auch die Selbstgerechtigkeit der Sieger; sie maßen sich die Deutungshoheit an über das, was war und behalten das letzte Wort (”The winner takes it all”).
Die Geschichte des Dragoljub Milanović, die Handke erzählt, weil er weiß, daß die Chance, daß sie gehört wird, dann größer ist (wenn auch nicht sehr groß), illustriert die bittere Erkenntnis, die er (der einstige Student der Rechtswissenschaften) zu Beginn dieser der Menschlichkeit und dem common sense verpflichteten Schrift formuliert: “Ein Hirngespinst, wenn es amtlich wird und Arm der Macht, findet immer einen Gesetzesparagraphen, welcher es auf die Sprünge bringt – es realisiert; mit anderen Worten: in den Schein eines Rechts setzt.” Doch ganz unbitter schreibt Handke, ganz unbitter scheint auch der Gefangene zu sein, der zwar Verachtung für die empfindet, die ihn hinter Gitter gebracht haben, doch – “es war eine Verachtung, die seine Züge, statt sie zu verzerren, erweiterte.” Trotz erlittenen Unrechts, er behält sein “Kindergesicht”.
Das Buch öffnet sich hier und da zu wunderbaren Naturbildern, in denen der vergangene Krieg als verblaßter Schatten gegenwärtig ist, ins Friedliche transzendiert. Es sind Idyllen, die der Tod besucht hat. urmel

Peter Handke, Die Geschichte des Dragoljub Milanović / Erzählung / 40 Seiten, gebunden / Jung und Jung, Salzburg 2011 / 9,00 Euro

Zora del Buono, Hundert Tage Amerika

9. September 2011

Mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Thorsten Wiedau stelle ich hier seine Kritik zu Hundert Tage Amerika ein, die er bei Amazon veröffentlicht hat. Herzlichen Dank! eioeu

Da soll noch mal einer sagen, man könne nichts Neues oder Unerwartetes sehen, wenn man sich heutzutage auf nach Amerika begibt. Im Buch Hundert Tage Amerika nimmt uns die Autorin Zora del Buono mit auf eine ungewöhnliche Reise. Sie zeigt uns sowohl Menschen als auch Landschaften, Schönes und Hässliches, Bekanntes und Unbekanntes, Amerikanisches und auch zutiefst Verstörendes. Hundert Tage Amerika ist mehr als nur ein einfacher Reisebericht, Zora del Buono zeigt uns ein Amerika, wie man es selten sieht und so bestimmt noch nicht wahrgenommen hat – immer nahe am Wasser, aber das ist dem Umstand geschuldet, dass sie die Mitbegründerin der Zeitschrift Mare ist.
Dennoch eine Kritik, und die auch gleich vorweg: Den erhobenen Zeigefinger auf fast jeder der 253 Seiten hätte sich Zora del Buono gerne sparen können; es war zuerst schwer zu schlucken, und am Ende hatte man sich dann daran gewöhnt – schön war es trotzdem nicht. Sie macht keinen Hehl daraus, wo sie politisch und gesellschaftlich steht, und oftmals ist ihr Amerika ein Gräuel – dem Reisebericht tut das manchmal einen gewissen Abbruch. Wäre ich nicht abgelenkt durch ihren Namen, würde ich sagen: sie ist sehr deutsch und sehr kritisch gewesen bei ihren Betrachtungen.
Ist ihr italienisches Windspiel gar ein Rotwild? Dürfen Hunde aus hygienischen Gründen mit ins Hotel und sogar mit ins Bett? Wie steht es denn mit Einwanderungsbestimmungen in die USA? Gibt es noch Rednecks und Hillbillies? Warum scheint das ganze Land so lethargisch zu sein?
Zora del Buono arbeitet sich immer an der Küstenlinie entlang, sie zeigt uns Menschen, die wir teils auch gerne kennenlernen würden, andere vielleicht weniger. Was sie ausgräbt, berührt und beschäftigt einen – schließlich ist dies ja God’s Own Country, oder?
Die Mentalitäten verändern sich, ob in Kanada oder in den USA, ob Stadt- oder Landbevölkerung, ob mehr nördlich oder weiter südlich – von Homogenität ist dort keine Spur. Einwanderer und Alteingesessene, Amerikaner und Native Americans – Reich und Arm, mit Pick up oder anderweitig unterwegs.
Zora del Buono reizt die 90 Tage voll aus und sie bewegt sich durch die USA wie durch ein ganzes Universum, ihr Buch Hundert Tage Amerika fühlt sich oftmals an wie Hundert Tage Einsamkeit oder waren es Jahre?
Mich hat die Reise persönlich berührt, ich reiste mit und blickte der Autorin sozusagen über die Schulter, was ich sah, hat mich einesteils angesprochen und fasziniert, anderseits aber auch nachdenklich gemacht – ein Reisebericht, wie man ihn nicht alle Tage zu lesen bekommt!
Empfehlenswert!

Marc Degens, Das kaputte Knie Gottes

4. September 2011

Marc Degens, 1971 in Essen geboren, ist ein Mann vieler Talente. Freier Schriftsteller seit Beginn der 90er Jahre, ist er auch als Herausgeber des Online-Feuilletons satt.org und der SuKuLTuR-Heftreihe “Schöner Lesen” aktiv, die seit 2004 vor allem über Süßwarenautomaten vertrieben wird und seit einiger Zeit auch eine Heimstatt in Kevelaer hat. Ein Wikipedia-Artikel erwähnt zudem (mir obskur erscheinende) Popformationen, Superschiff und Stendal Blast, in denen er Mitglied gewesen sein soll – möglicherweise eine Legende, vielleicht auch nicht.

Das kaputte Knie Gottes – der Titel des gerade erschienenen neuen Romans von Marc Degens (nach Hier keine Kunst von 2008) leitet sich von einer Skulptur ab, die Dennis Kirchner geschaffen hat, eine der Hauptfiguren in dieser von den 80er Jahren bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts reichenden Geschichte dreier ungleicher Freunde und ihres Aufwachsens im Ruhrgebiet zwischen Bochum und Gelsenkirchen.
Neben Dennis, dem Bildhauer, sind dies Mark, Lehramtsanwärter – zugleich Ich-Erzähler -, und Lily, Lenin-Verehrerin, Zigarillo-Raucherin und Studentin mit wechselndem Studieninteresse. Mark vermittelt typmäßig zwischen dieser Extravaganten und dem asketisch-sturen, stolzen Dennis. Eskapaden nicht abgeneigt, bleibt er doch im Grunde “daheim bei Tante Polly”, wie er in Anspielung auf Mark Twain feststellt – Huck Finn, das sind andere. Indes, ob der ‘Normalo’, verglichen mit den Lebensbewegungen seiner Freunde, die auf je eigene Weise in die Angepaßtheit münden, sich letzten Endes nicht doch am meisten Verrücktheit und Abenteuersinn bewahrt hat – diese Deutung läßt Degens immerhin zu.
Der Bochumer oder Bochum-Kenner wird vieles in diesem Roman wiedererkennen – das Fiege Pils, das hier getrunken wird, die Diskothek Zwischenfall, das Café Oblomow, das Stadtmagazin Coolibri -, doch ist es nicht nötig, daß dem Leser diese lokalen Anspielungen etwas sagen, die er ohnehin mit eigenen Erinnerungen vergleichen wird.
Die Geschichte einer Inszenierung von Brechts Stück Die Mutter, die Begegnung mit einem kunstbeflissenen Handwerker (”Kunst verstehn heißt sie kaufen”), den man sich so ähnlich vorstellt wie die proletarische, von Armin Rohde verkörperte Figur Bierchen in “Kleine Haie”, die Episode eines tonnenschweren Hauptgewinns – eine sperrige Ladung Hunde-Dosenfutter – oder die einer bizarren Ausstellungseröffnung – dies zu lesen bereitet ebensolches Vergnügen wie es die mit satirischer Schärfe gezeichneten Kunstmarkt-Szenen tun oder die grelle Schilderung Berliner Party-Lebens mit ihrem je vollkommen irrsinnigen Personal.
Das kaputte Knie Gottes. Im Scheitern großer Pläne, im Auseinanderklaffen zwischen Größtem und Kleinem, Irdischem, liegt Komik, springt Komik hervor (sie ist nicht anders vorstellbar als beweglich). Andererseits ist Komik auch sublimierter Schmerz, und so ist Degens’ Roman, wenngleich kurzweilig und lustig zu lesen, auch ein Denkmal für die Durststrecken und Niederlagen, für die enttäuschten Hoffnungen und den Katzenjammer seiner Helden. eioeu

Marc Degens, Das kaputte Knie Gottes / Roman / 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag / Knaus Verlag, München 2011 / 17,99 Euro

Ansgar Reul, Vincent the Vampire

31. August 2011

Ansgar Reul, der 2007/2008 in der Buchhandlung Reul ausstellte, hat eine kurze Vampirgeschichte verfaßt, in Versform, und auf Englisch. Zum Preis von 8,00 Euro wird sie ab voraussichtlich kommender Woche in einigen Exemplaren hier vorliegen. Wer will, kann sie aber schon jetzt in der Schröerschen Buchhandlung beziehen, wo auch die Original-Illustrationen ausgestellt sind (Langenscheidtstraße 7, Berlin-Schöneberg). Ich habe mich gefragt, warum Ansgar Reul die Geschichte auf Englisch geschrieben hat, aber manchmal diktieren es die Geschichten dem Schreibenden, in welcher Sprache sie auf dem Papier zu stehen wünschen. Mir fällt Antonio Tabucchi ein, der sich eines Tages in ein Café setzte, um den Anfang einer Erzählung zu schreiben; nach einer Weile kam der Kellner und sah ihm über die Schulter und sagte: “Aber das ist Portugiesisch!?” – und erst da fiel es Tabucchi selber auf. (Es handelt sich um das Buch Lissabonner Requiem [1991], das ich bei dieser Gelegenheit zu lesen empfehle. “Il libro è carico di emozioni e lo stesso autore spiega, in una nota, che proprio per questo esso poteva essere scritto solo in portoghese, una lingua “luogo di affetto e riflessione”, steht in der italienischen Wikipedia dazu.) Ich bin sehr gespannt auf Vincent the Vampire und bin froh, es anbieten zu dürfen. eioeu