Robert Mattheis, Harold Brodkey. Auf der Suche nach dem Mann mit der flüchtigen Seele
Robert Mattheis, Hamburg, stellt für Monnier Beach einen Beitrag über Harold Brodkey zur Verfügung. Wegen seines Umfangs, stelle ich ihn in drei Teilen ein (alle heute). – Dem Autor herzlichen Dank. Den Lesern dieses Blogs kann ich eine gute Lektüre garantieren. urmel
Auf der Suche nach dem Mann mit der flüchtigen Seele
Als Ende der 1980er Jahre die Stories In An Almost Classical Mode auf Deutsch erschienen, vermochte die Begeisterung der Experten sich nicht in Grenzen zu halten. Normalerweise ist der Literaturbetrieb ja nicht schlecht darin, Begeisterung zu unterdrücken, auch wenn beim Uneingeweihten manches tragisch fehlplatzierte Lob den Eindruck ungebremster Leidenschaftlichkeit hervorrufen mag. Man lobt mit Vorliebe doch den Schrott, weil man sich dabei nichts denken und erst recht nichts fühlen muss. Man lobt politisch, strategisch, und oft handelt es sich um traurige, sinistre, fatale Strategien. In Harold Brodkeys Fall aber gab es andere Töne zu hören. Vergleiche mit dem Heiligen der modernen Literatur, Marcel Proust, wurden angestellt. Höher geht’s ja kaum mehr.
Marcel Reich-Ranicki war damals mit seinem “Literarischen Quartett” noch eine Fernsehfigur in statu nascendi. Vor allem nahm man ihn als seriösen Kritiker wahr, als Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. (Überhaupt hatten Journalisten damals noch einen seriösen Anstrich.) Und er, der ansonsten in seiner Rolle des Advocatus diaboli zwischen den faustischen Schönrednern Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler eingekeilt war und mit Negativurteilen für Quote, aber oft auch für die nötige Differenzierung sorgte, schwang sich unversehens zum gewohnt wortstark-flammenden Verteidiger Brodkey’scher Schreibweisen auf.
Mich freute das ungemein, denn ich war Brodkeyaner, bevor ich auch nur eine einzige Zeile von dem Mann gelesen hatte. Der Grund dafür lag in einem ausführlichen Artikel von Matthias Matussek aus dem SPIEGEL. Der SPIEGEL war damals noch ein Schwarzweiß-Magazin, aber das Porträt des New Yorker Wunder-Schreibers war in meinen Augen so farbig, wie selbst eine Hochglanzpostille bis heute nicht zu sein vermag. Man wollte ja letztlich lediglich „the next big thing“ aus der internationalen Literatur-Szene präsentieren, aber ich war schwer beeindruckt, geradezu existentiell angerührt. Ich glaube, der Breitwandtitel des Beitrags war: „Im Fegefeuer der Eitelkeiten“. Das war natürlich eine Anspielung auf die Erfolgsschwarte von Tom Wolfe, einem der Konkurrenten von Harold Brodkey (den anderen, John Updike, pflegte der Verfasser der Nahezu klassischen Stories rüde zu schmähen, was er auch gegenüber Matussek tat). Es war aber leider auch eine Headline, die die Ambivalenzen des Brodkey’schen Werkes sehr gut auf den Punkt brachte. Dessen Eitelkeit konnte einen wahrhaftig ins Fegefeuer stürzen als Fan … Unter dem fetten Schriftzug zeigte das Nachrichtenmagazin Brodkey im Trainingsanzug, Gewichte stemmend, das bebrillte Gesicht von der Anstrengung verzerrt. Ein Sisyphos im Kraftraum-Gelände.
Ganz allgemein gab sich Matussek, ein aufstrebender Reporter, alle erdenkliche Mühe, Brodkey als einen unermüdlich sich Plagenden, unbeirrbar Kämpfenden zu präsentieren, als eine Figur von nahezu homerischer Art. Wirklich, der Stoff dazu war vorhanden! Als junger Mann hatte Harold Brodkey, leichthändig und brillant, einen Band mit Kurzgeschichten publiziert, Erste Liebe und andere Sorgen (bis heute bei Diogenes erhältlich). Dafür hagelte es Lobeshymnen und Erfolg und Preise, und es verrät vermutlich viel über den Mann und seine Waffen, dass er damals nicht mehr öffentlich singen mochte. Wie der Jahrhundertpianist Glenn Gould zog er sich aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit zurück, um seine Zeit und seinen Zorn einem Opus magnum zu widmen, einem Proustischen Unternehmen, einem Roman mit dem Titel The Runaway Soul, in deutscher Übersetzung: Die flüchtige Seele.