Blick ins Schaufenster 1967/1968

In den Jahren 1967 und 1968 beteiligte sich Rosemarie Reul offenbar an Schaufensterwettbewerben des Kindler Verlags; das dunkle Foto stammt von 1967, das andere vom Jahr darauf. Das Schild “Buchhandlung Schröer / Inh. R. Reul” (Abb. 1) hat Heribert Reul sen. geschrieben.
Auf Abb. 2 (auf die ich mich hier konzentriere) sieht man u. a. den Band Geschichten vom Herrn B. – Hundert neue Brecht-Anekdoten (allerdings nur auf dem Plakat, Brecht war bei Reuls nicht so beliebt), Hans Joachim Kulenkampffs Höchstvergnügliche Anekdotensammlung (auch nicht unbedingt beliebt, würde ich sagen), drei Bände Grzimeks Tierleben und Thomas und Gertrude Sartorys In der Hölle brennt kein Feuer.
Thomas Sartory, ehemaliger Benediktinermönch, hatte sich 1967, nach Gängelungen kirchlicherseits wegen seiner Bücher Eine Neuinterpretation des Glaubens und Wandel christlicher Spiritualität, laisieren lassen und dann geheiratet.
Der Stapel weißer Bücher vorn, links neben dem Fragezeichen, war eine der vielen verlegerischen Taten Kindlers: Kindlers Universitäts-Bibliothek. (Ein Band daraus, Die Früchte der Freiheit. Holland und die europäische Kultur des 17. Jahrhunderts von Charles Wilson, übersetzt von Peter de Mendelssohn, befindet sich heute in meiner Bibliothek).
Im Hintergrund die Nierentisch-Theke, weiterhin existent, wie auch die Holzregale, mit Resopalbeschichtung auf Kniehöhe, alle wohl aus den 50er Jahren; der Leuchter über der Theke ist leider verlorengegangen. Links auf der Theke war immer ein großer flacher Kasten mit Postkarten placiert; Rosemarie Reul pflegte ihre Kundschaft einzuladen, sich daraus ein Lesezeichen auszuwählen oder tat dieses selbst für sie, oft mit dem sechsten Sinn dafür, was gerade passend war. In Erinnerung geblieben, da unglaublich, wie sie einem unbekannten Herrn eine Pelikan-Fotografie zum Buch hinzugab (es gab viele Tier-Postkarten, auf Ameland-Ferienlagern gerne verschickt), und dieser daraufhin entgeistert erwiderte: “Wissen Sie denn, wie ich heiße?! – Pelikan.” Das war Michael Pelikan, Kunsterzieher am Kardinal-von-Galen-Gymnasium.
Im Bild jeweils das schmale Fenster links vom Eingang.

Die Buchhandlung war erst 1967 vom gegenüberliegenden, der Kirche gehörenden, Haus Nummer 3 in das heutige Ladenlokal umgezogen. Dieses ursprüngliche, aus der Barockzeit (1750) stammende, Wohn- und Geschäftshaus der Familie Schröer wurde in jenem Jahr abgerissen.
Da machten also auch Schröer-Reuls unliebsame Erfahrungen mit der Kirche, die sich auf häßliche Weise als Wirtschaftsunternehmen zu erkennen gab, das sie natürlich immer auch ist. Die Frage ist nur, wie die Prioritäten gesetzt werden, und einer 12-köpfigen Familie das Haus wegzunehmen, deren Oberhaupt, nämlich Heribert Reul sen., zudem viel für die Kirche gearbeitet hatte, war falsch und unmenschlich. “Wieder ein Sieg des Kapitals über die Proletarier”, kommentierte genannter Senior ironisch dies Kapitel im dritten und letzten Band seiner Erinnerungen, Jahre, die ich erlebte. 1949-1997. Das Verhältnis blieb gespannt. urmel